Evangelische Kirchengemeinde Kenzingen

10. Sonntag nach Trinitatis, 19.8.2001

Text:

Der Herr sagte zu Jeremia: "Geh, stell dich an den Eingang des Tempels und rufe: `Hört zu, ihr Leute von Juda! Hört alle her, die ihr durch diese Tore in den Tempel geht, um den Herrn anzubeten! Der Gott Israels, der Herr der Welt, sagt; Ändert euer Leben und Tun! Dann dürft ihr hier wohnen bleiben. Glaubt nicht, dass es euch etwas hilft, wenn ihr beschwörend wiederholt: Hier wohnt Gott, hier wohnt Gott, hier wohnt wirklich Gott! Betrügt euch nicht selbst! Nur wenn ihr euer Leben gründlich ändert, könnt ihr hier in diesem Land bleiben, das ich euren Vorfahren als dauernden Besitz gegeben habe.

Geht gerecht miteinander um! Nutzt nicht Fremde, Waisen und Witwen aus! Hört auf, in eurem Land das Blut unschuldiger Menschen zu vergießen! Lauft nicht den fremden Göttern nach, denn damit stürzt ihr euch ins Unglück!

Seht doch ein, dass ihr euch selbst betrügt! Ihr stehlt und mordet, zerstört Ehen, schwört Meineide, bringt dem Baal Opfer dar und verehrt fremde Götter, die euch nichts angehen. Und dann kommt ihr, stellt euch hier in meinem Haus vor mich hin und sagt: Uns kann nichts geschehen!, tut aber weiterhin alles, was ich verabscheue. Ist denn dies Haus, das doch mir gehört, in euren Augen ein Versteck für Räuber geworden?’"

Jeremia 7, 1- 11

Begrüßung:

Liebe Gemeinde! Mitten in der schönsten Jahreszeit, mit Sommer, Sonne, Ferien und Urlaub sind wir heute einmal wieder in ganz besonderer Weise durch das biblische Wort herausgefordert. Wir sind eingeladen, uns der Frage zu stellen, wie wir unseren Glauben heute leben, was wir denken und fühlen, wenn wir Gott, Gott sagen und welchen Gott wir damit meinen. So stellt sich Gott mit seinem Wort auch uns in den Weg unseres Lebens.

Der Apostel Paulus empfindet sich mit seinem Leben angeschlagen, verletzt und existentiell in Frage gestellt, als er um Gottes Nähe ringend gesagt bekommt: Lass dir an meiner freundlichen Zuwendung genügen, denn meine Kraft ist gerade in den Schwachen mächtig (2. Kor. 12,9).

Gebet:

Gib, Herr, unser Gott, dass wir dich in unserem Leben erkennen, dass unser Glaube glaubwürdig und keine von Menschen erdachte Ideologie ist, dass wir unseren Zweifel, die Fragen und Sorgen nicht totschweigen, dass wir unsere Hoffnungen nicht immer den Gegebenheiten anpassen, dass wir unsere Wünsche nicht verheimlichen müssen, dass wir unsere Träume nicht immer wieder den Tatsachen opfern. Gib, Herr, dass wir uns öffnen für das, was du uns zu sagen hast, dass wir Hoffnung schöpfen, weil du uns Mut machst, dass wir deine Welt als unsere Aufgabe erkennen und dass wir so fähig werden, Wegbegleiter deiner Zukunft zu werden. Gib, Herr, dass wir deinen Verheißungen trauen, die du uns durch Jesus Christus bekannt gemacht hast.
Können wir uns das heute noch vorstellen?, die nationalsozialistische Glaubensbewegung der Deutschen Christen erhob in der Zeit des Dritten Reiches die Forderung: "Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst und im Bekenntnismäßigen, Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lehrmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten ... Artgemäßes Christentum, wie es in den Richtlinien der Deutschen Christen stehe, und Haften am Alten Testament schlössen sich aus. Die Juden sind nicht Gottes Volk ..." [1]. Auf diesem Hintergrund stellte sich bei einer Zufallsbegegnung ein kleiner, unbedeutender Pfarrer Hitler inmitten seiner Garde in den Weg und forderte: "Herr Reichskanzler, geben Sie der evangelischen Kirche ihre Freiheit wieder!" und verwickelte diesen in ein längeres Gespräch. [2]
Liebe Gemeinde!

Der Text, der uns zum heutigen Israelsonntag vorgegeben ist, stellt sich uns in den Weg, so wie es Jeremia damals in den Toren des Tempels mit seinem Wort tat. Die Tempelbesucher sind feierlich gestimmt, sie wollen ihren Gott anbeten, ihren religiösen Pflichten nachgehen, feiern. Doch bevor sie überhaupt durch das Tor hineinkommen, hören sie diese unglaublich herausfordernde Anklage: "Glaubt nicht, dass es euch etwas hilft, wenn ihr beschwörend wiederholt: Hier wohnt Gott, hier wohnt Gott, hier wohnt wirklich Gott! Betrügt euch nicht selbst!"

Reflexhaft könnten wir uns jetzt verteidigen, rechtfertigen: Was geht uns das alles heute noch an, wir sind schließlich Christen, keine Juden, wir leben im demokratischen Deutschland und nicht mehr in der Nazi-Diktatur. Doch sehr bald werden wir sehen müssen, dass wir betroffen, selbst angesprochen sind. Das Wort des Propheten Jeremias ist längst zu einer zeitlosen Anfrage an alle Menschen geworden, die an diesen biblischen Gott vorgeben zu glauben. Das lernten bitter und betroffen die ersten Christen von Jerusalem bis Rom, die protestantischen Reformatoren, die Christen der Bekennenden Kirche. Das zeigt jedoch auch unsere Geschichte bis hin zu dem unwürdigen Bau der Berliner Mauer vor 40 Jahren, bei der meist unreflektierte Gottlosigkeit in einer unglaublichen Menschenverachtung ihren Ausdruck fand.

Immer wieder aber gab es Menschen, die sich anderen Menschen von Gott aus in den Weg stellten und damit ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. So bleibt Israel bis in die spannungsgeladene Gegenwart hinein nach seinen biblischen Rechtsgrundsätzen gefragt, wie auch wir, die wir uns das Wort Gottes heute zumuten lassen. Wir alle hören das Wort Jeremias: Geht gerecht miteinander um! Nutzt nicht Fremde, Waisen und Witwen aus! Hört auf, in eurem Land das Blut unschuldiger Menschen zu vergießen! Lauft nicht den fremden Göttern nach, denn damit stürzt ihr euch ins Unglück! Seht doch ein, dass ihr euch selbst betrügt!

Wer von Haifa bis Kenzingen, von Jerusalem bis Berlin könnte sich dem entziehen, solange er für sich in Anspruch nimmt, Jude oder Christ zu sein? Hier hat niemand, wirklich niemand das Recht, mit dem Finger auf einen jeweils anderen zu zeigen, aber unseren Glauben nachzudenken, uns selbst zu prüfen, diese Aufgabe steht jeden Tag neu vor uns allen, diese Herausforderung bleibt. Gott ist, und darum kommen wir nicht herum, nicht einfach und billig zu haben. Denn der Satz: "Gott ist, bedeutet eine Revolution, eine Umwälzung in einem Menschenleben." [3] Alles andere wäre auch für uns ein frommer Selbstbetrug.

Jeremia, der den Untergang Jerusalems erlebt, stellt uns vor die Frage, ob wir nicht selbst Abschied nehmen müssen, Abschied von mancherlei Glaubensvorstellungen, die sich weit vom Wort und Geist der Bibel entfernt haben, Abschied von einer Kirche, die sich vielleicht angesichts der Herausforderungen der Neuzeit wieder stärker zu einer Bekennenden Kirche hin entwickeln muss, Abschied also von einem volkskirchlichen Christentum, dem wir aber durch die Zeiten hindurch unbestreitbar viel zu verdanken haben.

Die Juden mussten von ihrem Tempel Abschied nehmen, der zerstört wurde. Die ersten Christen verließen die Synagogen und Wohnstuben, um im Untergrund in ihrer Gemeinschaft täglich Gottesdienst und Abendmahl zu feiern. Tyrannen und Diktatoren zwangen Christen immer wieder zur Neubesinnung und Neubestimmung ihrer Theologie und des jeweiligen Kirchenverständnisses. Und heute?

Heute können wir - gerade im Osten Deutschlands - verlassene Kirchen kaufen und Kneipen, Kinos, Gesellschaftsräume daraus machen. Wir können uns als "Christen" bezeichnen, dabei aber ganz gut im Alltag auch ohne Gott auskommen, weil inzwischen unser gesellschaftliches Leben von ganz anderen Herausforderungen, Fragen, Zwängen bewegt ist, Arbeit und Freizeit uns ganz anders in Anspruch nehmen. Da stellt sich zu Recht die Frage: Sind wir also wieder einmal am Ende, diesmal mit unserer Volks-Kirche?

Die Vorwürfe Jeremias sind klar und unmissverständlich, denn der Glaube wird auf zwei Ebenen gelebt: Einmal geht es um ganz konkrete Verfehlungen zwischen den Menschen, zum Anderen darum, dies dann auch noch gottesdienstlich absegnen zu lassen, um so unbeschwert, doch völlig unberührt und unverändert im Alltag weiterzumachen, so, als gäbe es keinen Glauben, keine Ethik, keine Moral, ja als gäbe es keinen Gott. Darum lässt Jeremia mit seinem Wort keine Berufung auf Gott zu, es sei denn, das Leben selbst würde sich ändern, Versagen und Schuld einsichtig und der Versuch gewagt, den Glauben ganz neu und zeitgemäß mit Leben zu erfüllen: Wege der Mitmenschlichkeit, der Menschenwürde, der Achtung vor allem Leben, vor allem aber zu Gott zu suchen.

Darum bedeutet der Satz: "Gott ist eine Revolution" tatsächlich eine "Umwälzung." Denn wenn Gott wirklich Gott (!) für uns ist, dann muss sich ja unser Leben diesem Glauben entsprechend verändern, da fehlen alle Rechtfertigungen dafür, warum wir keine Zeit haben, Gottesdienst zu feiern, das Abendmahl miteinander zu teilen, unsere Kinder wirklich christlich zu erziehen, letztendlich eben glaubwürdiger zu leben. Christen werden wir ja nicht dadurch, dass wir - gegen allen Anschein - behaupten, Christen zu sein, sondern, in dem wir uns von den Fundamenten dieses Glaubens her zu Gott hinführen lassen. Wo das geschieht, wird uns sofort auch immer der Mitmensch im Blick sein, denn Gott und Welt lassen sich nicht voneinander lösen.

Jeremia, wir können es uns gut vorstellen, wäre auf Grund seiner Rede fast gelyncht worden. Von Jesus sagt man, dass er vollmächtig redete, und ihn hängte man an ein Kreuz. Die Menschen, die ihren Glauben in der jungen Kirche bekannten, wurden ebenfalls verfolgt und waren vom Tode bedroht. Martin Luther musste um sein Leben fürchten und auf die Wartburg fliehen. Die Christen der Bekennenden Kirche waren einer ständigen Bespitzelung ausgesetzt, verloren ihre Berufe, manche von ihnen kamen in ein Konzentrationslager, einige starben, wie Dietrich Bonhoeffer.

Das Wort Gottes wurde also durch ihr Wort gehört, so gehört, dass es Konsequenzen hatte, schließlich aber die Deutschen Christen mit ihrer Glaubensideologie in die Knie zwang. Die Krise jener Zeit nötigte in eine ernsthafte Auseinandersetzung um die Frage, was und woran denn eigentlich in der Kirche geglaubt wird und was verbindlich gilt, was also von dorther zu sagen und zu leben ist, selbst auf die Gefahr hin, dass es seinen Preis hat. Erinnern wir uns denn nicht mehr daran, dass der Fall der Berliner Mauer 1989 einer friedlichen Revolution gleichkam, die ihren Ursprung in Kirchen hatte, nur hier durfte ja das offene Wort gesagt werden. Aus den Gottesdiensten heraus ging man mit Kerzen auf die Straßen.

Liebe Gemeinde. Ich denke, dass es ebenfalls an der Zeit ist, uns einmal ernsthaft darüber Rechenschaft abzulegen, was wir glauben und woran wir glauben, wenn wir heute "Gott" sagen. Hat Martin Luther denn nicht recht, wenn er einmal sagt: "Das, woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott!" Es ist an der Zeit, uns einmal selbst wieder in den Weg unseres eigenen Denkens und Glaubens zu stellen und damit unseren Umgang mit Gott und Mensch kritisch zu hinterfragen. Das Beschwören christlicher Werte wird uns in unseren Gottesdiensten nicht weiterhelfen, eher in die Irre führen, wenn sie uns wie durch ein frommes Museum aus alter Zeit führen, der Glaube der Kirche zu einer guten alten Tradition erstarrt ist, die man dann und wann für sein Leben braucht.

Hier würde sich Jeremia uns erneut in den Weg stellen und uns zurufen: "Betrügt euch nicht selbst!" Denn auch der fromme Selbstbetrug bleibt ein Selbstbetrug aus dem wir nur dadurch ausbrechen werden, in dem wir jeden Tag neu damit anfangen, nach Gott, seinem Wort und Geist zu fragen.

Lassen wir es heute ruhig wieder einmal zu, dass sich uns das Wort Gottes in den Weg stellt, dass wir herausgefordert, in unserer volkskirchlichen Ruhe gestört werden. Ja, dieser kleine Text geht Israel etwas an, heute vielleicht noch mehr, als je zuvor, doch zu aller erst betrifft er uns. Hier hören wir keine lieblose Moral, keine langweilige Gesetzlichkeit, sondern wir hören gerade aus diesen mahnenden Worten das Evangelium, weil wir Gott wichtig - und wir darum mit unserem Glauben und Tun auch für die Welt, für andere Menschen verantwortlich sind.

Nur unsere eigene Glaubwürdigkeit wird dazu beitragen, dass unsere Kirchen und Gottesdienste keine "Verstecke für Räuber" sind, sondern eine großartige Möglichkeit, unserem Leben Sinn und unserer Welt Hoffnung zu schenken, die über den Tag hinausreicht. Die große, ernste Wiederstandschrift gegen den Nationalsozialismus und die Ideologie der Deutschen Christen hieß "Theologische Existenz heute". Sie war natürlich bei den einen so heiß umstritten, wie von den anderen bejubelt. Schon bald wurde sie verboten. Gerade um eine solche Existenz geht es auch heute wieder.

Diese ermutigende Freiheit wünsche ich uns allen, hell wach zu sein, für einen Glauben, der uns durch die Zeit, die uns für unser Leben geschenkt ist, auf Gott zu führt. Denn wo wir es mit ihm zu tun haben, da werden wir auch um den Menschen wissen, seine Möglichkeiten und Fähigkeiten, seine Grenzen, sein Schuldigwerden und Versagen. Darum sind wir eingeladen, unbeschwert und fröhlich unseren Weg zu finden und zu gehen, denn Gott wird auch uns begleiten, so, wie er sein Volk Israel durch die Zeiten hindurch begleitet hat.
Amen.


Literatur;

  1. Barth, K., Karl Barth - Eduard Thurneysen, Briefwechsel,
    Bd. 34 der Gesamtausgabe, Hrsg. C. Algner, Zürich 2000, S. 545
  2. Barth, K., a.a.O., S. 447
  3. Barth, K., Predigten 1914,
    Band 5 der Gesamtausgabe, Hrsg. U.+J. Fähler, Zürich 1974, S. 168

    Lanz, Ellen, in: Calwer Predigthilfen, 2000/2001, Reihe V/2, Stuttgart 2001, S. 113f

Letzte Änderung: 30.08.2001
Pfr. Hanns-Heinrich Schneider