Heilig Abend II, Lukas 2, 1-20, Krippe

 

Begrüßung:

 

Vor kurzem, liebe Gemeinde, las ich eine Predigt zum Weihnachtsfest, die mit den Worten begann: „Lieber Gott, lass mich jetzt hier nicht feierlich werden. Amen. Nun, feierlich vielleicht nicht, aber festlich, so meine ich, darf ein Gottesdienst zum heiligen Abend schon sein. Wie in kaum einen anderen Gottesdienst im Jahreskreis kommen wir ja gerade heute mit ganz besonderen Erwartungen in die Kirche. Wir alle kommen mit unseren eigenen Erfahrungen hierher, möchten Erinnerungen nachhängen, noch einmal zur Ruhe kommen, in unserem Glauben bestärkt und in unseren Gefühlen nicht enttäuscht in diesen Heiligen Abend hinein gehen.

 

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell“ (Jesaja 9).

 

 

Gebet:

 

Herr, guter Gott! Wir danken dir für diesen immer wiederkehrenden Abend in unserem Leben, an dem wir uns an die Geburt deines Sohnes in unsere Welt hinein erinnern lassen. Wir leben mit unseren Erinnerungen und unseren Erfahrungen, gerade, was dieses besondere Fest unseres Glaubens angeht. Lass uns in all dem, was das Weihnachtsfest eben auch belastet, nicht arm und ärmer werden.

 

So danken wir dir für die vielen Zeichen und Symbole, Krippen und Engel, Weihnachtslieder und weihnachtliche Gedanken, die uns auch heute wieder in das eigene Nachdenken über den tieferen Grund dieses Festes begleiten. Schenke es uns, dass wir in der Fülle und Flut der Bilder gedanklich nicht untergehen. Lass uns nicht leer an die voll gedeckten Tische heimkehren. Gott, dich bitten wir um einen gesegneten Heiligen Abend für uns selbst, unsere Familien und Freunde, für die Menschen unserer Gemeinde und Stadt, für alle katholischen Mitchristen, für unser Land und schenke unserer Welt deinen Frieden, der höher geht und weiter greift, als alle menschliche Vernunft. Amen.


 

 

Liebe Gemeinde!

 

Erinnern Sie sich noch? Im vergangenen Jahr erzählte uns hier am Heiligen Abend der alte Esel aus dem Pfarrhaus, wie er die Geburt Jesu - damals - erlebt hat. Dabei hörten wir auch, dass die Tiere, Esel und Ochse, ja gar nicht in der Weihnachtsgeschichte vorkommen und dennoch in allen Weihnachtskrippen zu sehen sind. Einige engagierte Gemeindeglieder haben in den vergangen Monaten diese großartige Krippe mit den biblischen Erzählfiguren für unsere Kirche in mühevoller Arbeit hergestellt. Ein langer Plan und großer Wunsch ging so endlich in Erfüllung.

 

Wir sehen die judäische Hügellandschaft um Bethlehem herum nachempfunden, typische Häuser, wie wir sie uns aus der Zeit Jesu vorzustellen haben und eine Höhle, um die sich die Weihnachtsgeschichte damals vermutlich abspielte. Nachdem Lukas den Kaiser und den Statthalter erwähnt, hören wir von Menschen und Engeln, raubeinige Hirten werden zum Laufen gebracht, die ihre Schafherden hüten. Es ist Nacht. Millionenfach wurde – wie ja auch bei uns Jahr für Jahr – die Weihnachtsgeschichte in kindgerechten Krippenspielen nachgespielt, und selbst, wer mit Glaube und Kirche nur noch wenig am Hut hat, baut zum Fest seine alte Weihnachtskrippe wieder auf oder hängt Engel ins Fenster. Eine Tradition, welche die Zeit überdauert, längst losgelöst von der Tragfähigkeit eines persönlichen Glaubens.

 

Aber, so dürfen wir uns einmal fragen, was zieht uns eigentlich dermaßen an, dass wir nach wie vor in unseren Wohnungen Krippen aufbauen und uns mit Engeln jeder Art umgeben, wenn die damit verbundene Botschaft uns doch gleichzeitig oft irgendwie fremd geworden ist? Unter der Überschrift „Stille Nacht, billige Nacht...“ konnten wir jetzt im SPIEGEL lesen: „Geiz macht arm... Geiz ist geil...“ und weiter: „Schlussendlich geht es um die Frage: Welche Werte halten ein Gemeinwesen zusammen, da doch an jeder Straßenecke und in jedem Schaufenster zu beobachten ist, wie alles dauernd an Wert verliert? ...!“ [1]

 

Geht es dem SPIEGEL um den Konsum und das Konsumverhalten der Deutschen, so geht es mir um einen Glauben, der eben nicht zur Billigware verkommt, weil auch er an Wert verliert. Billigware ist nicht immer und auf alle Fälle günstiger, was auch für einen billigen Glauben gilt, der schnell und einfach zu haben ist und uns nichts kostet. Und damit sind wir wieder bei unserer Krippe.

 

Krippen waren ursprünglich aus geflochtenem Flechtwerk, später dann steinerne Futtertröge für Tiere auf einem Bauernhof. Weil Lukas erzählt, dass das neugeborene Kind in einen solchen Futtertrog gelegt wurde, leitete man daraus schon sehr bald in der frühen Kirche ab, das Jesus in einer der typischen Höhlen um Bethlehem herum geboren sein muss. In diese trieben die Hirten zur Nacht ihre Herde, da sie dort leicht geschützt werden konnte. Der große altkirchliche Theologe Origenes (185-254) meinte, dass jeder in Bethlehem zeigen könne, in welcher Höhle Jesus geboren worden sei und in welcher Krippe er gelegen habe.

 

 

So wurde schon bald eine große Kathedrale über der angenommenen Geburtsgrotte Jesu in Bethlehem erbaut, was dazu führte, dass selbst in Rom eine Basilika mit einer Krippenkapelle errichtet wurde. Franz von Assisi ließ erstmals ein Krippenspiel mit lebenden Menschen und Tieren aufführen. In Italien kann man heute Krippen sehen, die lokale Figuren mit einbeziehen, den Pizzabäcker, Fischhändler oder den Melonenverkäufer. In Bayern wurde das Aufstellen von Krippen zunächst verboten, um dann aber schon bald wieder von König Ludwig I. erlaubt zu werden. In evangelischen Familien kannte man seit der Reformation Weihnachtskrippen [2].

 

Natürlich geht es bei einer Krippe und seinen Figuren um ein Stück Anschauung, dargestellte, figürliche Erzählung der Geburt Jesu. Man muss die biblischen Geschichten nicht genau kennen, um in diesen Darstellungen doch das Wesentliche entdecken zu können: Die Geburt eines Kindes unter merkwürdigen Begleiterscheinungen: Die Nacht wird zum Tag, Engelwesen verdeutlichen, dass wir es hier mitten auf der Welt mit dem Himmel zu tun bekommen, und durchaus raubeinige Männer ihre Arbeit unterbrechen, um sich ein neugeborenes Kind in ihrer Nachbarschaft anzusehen. Realität und Gefühl stoßen hart aufeinander.

 

Die Höhle wird für die hochschwangere Maria und ihrem Mann Joseph zu einem Fluchtpunkt, die Hotels sind wegen der Volkszählung ausgebucht. So wird die Erdhöhle zu einem Bild der Geborgenheit, des Schutzes vor den Unbilden des Lebens, ein Ort, an den man sich zurückziehen, ein Ort, an dem man sogar ein Kind zur Welt bringen kann. Dabei liegt die Höhle in der Erde, Gott, so wird damit erzählt, muss also sehr tief herab kommen, um erdverbunden Mensch zu werden.

 

Diese Höhle dort in Bethlehem, als Stall verwendet, wird für eine gewisse Zeit für die junge Familie zu einem heimatlichen Ort. Auch der Glaube braucht Zeiten, Orte, eine Heimat, ein zu Hause, ja er will erdverbunden in der Welt beheimatet sein. Menschen kommen und gehen, so wird es uns berichtet und durch die Krippenfiguren anschaulich dargestellt. Sie haben ein Ziel, sie suchen die Begegnung. Nachdem sie von dieser Geburt im rauen Bergland von Bethlehem gehört haben, wollen sie nun - neugierig geworden - das Kind auch sehen, das Ereignis begreifen.

 

So, wie Maria und Joseph sich auf den Weg machen mussten – einem unbekannten Ziel entgegen – so gehen nun auch Menschen unterschiedlichster Herkunft, Hirten, wie Gelehrte los, um das, was ihnen gesagt worden war, zu überprüfen. Sie alle stehen für Menschen, die auf der Suche sind. So, wie wir uns von einer Krippe angezogen fühlen, die uns die biblische Geschichte - zwar ohne Worte - dafür aber in bunten Bildern erzählt, so sind auch damals Menschen von diesem Ort angezogen worden. So wie Gott eine ganz bestimmte Gegend und Zeit für seine Menschwerdung in Anspruch nimmt, so braucht auch der Glaube Orte und Zeiten in denen er erlebt werden kann, soll er nicht verkümmern.

 

Nicht nur in der ehemaligen DDR sprach man von Kinderkrippen zur Unterbringung von Kleinkindern, dagegen können unsere Weihnachtskrippen heute als ein Fluchtpunkt für unsere Gefühle gelten in einer kälter und geistig heimatlos gewordenen Zeit und Welt. Sie verkündigen die Weihnachtsbotschaft auf ihre Weise, so, wie es z.B. das Weihnachtsoratorium von J. S. Bach tut oder die unzähligen Madonnen- und Marienbilder mit dem Kind auf dem Schoß in alten Kirchen und großen Museen.

Die Verkündigung der Weihnachtsbotschaft hat viele Möglichkeiten, entscheidend ist nur, dass sie sich am biblischen Wort orientiert und damit Menschen zum Kern des Glaubens führt: Gott wird Mensch in einer Welt, der viele Werte offensichtlich abhanden gekommen, zumindest aber fraglich geworden sind, und damit die „Heilige Nacht“ keine „billige Nacht“ wird, darum feiern wir diesen Gottesdienst gegen mancherlei dunkle Welterfahrung, Rat- und Hoffnungslosigkeit. Wir lassen uns mit unserem Glauben dazu einladen, der Welt – und sei es eben nur hier und da – ein wenig von ihrem ursprünglichen Glanz zurück zu geben, einen Wert, der jenseits marktwirtschaftlicher Ergebnisse des jährlichen Weihnachtsgeschäftes liegt.

 

Ich bekenne, dass Ostern für mich natürlich das eigentliche Hochfest der christlichen Kirche ist, aber Weihnachten mit all dem, was man sehen, hören und sogar riechen kann, eben doch immer wieder dazu gehört. Rational ist kaum zu verstehen, warum wir schon bald nadelnde Tannenbäume in unsere Wohnzimmer stellen, - Kerzen anzünden, obgleich wir elektrisches Licht haben, - Krippen mit Figuren aufstellen, die ganz offensichtlich nicht aus unserer Zeit und Welt stammen, - Engel aufhängen, die so sicher nie ausgesehen haben, aber wir tun es, wir freuen uns daran und stehen dazu, wenigstens jetzt, einmal im Jahr.

 

So unterbricht Weihnachten, wie kaum ein anderes Fest unseren Alltag. Wir sind für ein paar Stunden fast wie in eine andere Welt versetzt. Wir lassen uns erinnern. Niemand kann dieses Fest feiern, der sich nicht erinnert und damit auf bestimmte Erfahrungen zurückgreift. Jedes Fest, das wir feiern, vor allem natürlich unsere christlichen Feste, stehen zwischen diesem Gestern und der Zukunft, denn Erfahrungen sind zukunftsorientiert, dazu gehören Phantasie und Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte (R.D. Laing) [3]. Auch wir lassen uns jetzt noch einmal erinnern, denken an diese Nacht in Bethlehem, in der sich der Himmel und die Erde kreuzten und der scheinbar so ferne Gott, dem Menschen hautnah begegnete.

 

Generation für Generation wird diese Begebenheit überliefert, gehört, geglaubt und bezweifelt. Über dieser Botschaft veränderte sich nach und nach die Welt. Das musste erzählt und schließlich auch gefeiert werden, denn wo hat man das je erlebt, dass Gott ein Mensch wurde, sich in die Tiefe der Menschheit hinein solidarisierte? Viel eher neigen Menschen doch dazu, sich selbst zu Göttern zu erheben.

 

Weihnachten lebt davon, dass die Botschaft der Menschwerdung Gottes erzählt und weitererzählt, in Krippen nachgestellt, gemalt oder zu Musik wird, so dass wir in unseren Phantasien und Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten bestärkt, stark werden für ein Leben in der Gegenwart und für die Zukunft. Das haben wir unseren Kindern und Kindeskindern weiterzugeben und das ist es, was dann auch letztendlich die schönsten Geschenke überbietet, denn jedes Geschenk verliert irgendwann einmal – und das gehört ja auch zu unseren Erfahrungen – seinen Wert, doch der Glaube bleibt, der Glaube daran, dass Gott für uns zur Welt gekommen ist, damit wir ein wenig mehr Himmel in der Welt erfahren dürfen. Amen.

 


 

Literatur:

 

1) DER SPIEGEL, Hamburg 2004

2) Becker-Huberti, M., Lexikon der Bräuche und Feste, Freiburg, 20013

3) Engelhardt, K., in: Verkündigung im Gespräch mit der Gesellschaft, S. 73 ff

 

 

 

Wir weisen darauf hin, dass Sie alle unsere Predigten im Internet nachlesen können. Sie finden sie unter:

 

http://www.evang-kirche-kenzingen.de oder:

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