Pfingsten, Gottesdienst zur „Barmer Theologischen Erklärung“, 31. Mai 1934
Begrüßung:
Liebe Gemeinde! Pfingsten, das Fest der Kirche! Pfingsten das Fest der Kirche, das uns in einer ganz besonderen Weise nach unserem Glauben fragt, nicht nach unserer Religiosität. Religiös sind wir ja alle irgendwie. Nein! Sondern danach, wie glaubwürdig unser Glaube heute noch ist und was wir an Widerständen ertragen und an Gegenwind auf uns nehmen, um unseres Glaubens willen.
Im Mittelpunkt unseres Nachdenkens wird ein Bekenntnis stehen, die „Barmer Theologische Erklärung“, die heute vor 75 Jahren, am 31. Mai 1934 verabschiedet wurde. Sie endet mit den Worten: Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit, (Jesaja 40,8).
Gebet:
Herr, guter Gott, wir kommen zu dir und bitten dich um deinen guten Geist, der dem Ungeist unserer Welt und unseres Lebens widerspricht. Schenke uns gerade mit dem Pfingstfest den Mut und die Freude zu einem ganz neuen Bekennen unseres Glaubens, gerade auch dann, wenn es einmal Überwindung kostet. Unser Glaube, der Glaube an dich, kann nur glaubwürdig werden, wo wir ihn auch leben, dankbar auch für das Geschenk der Kirche bis auf den heutigen Tag – durch ihn unseren Bruder und Herrn Jesus Christus.
Hinführung zu den sechs Thesen der Barmer Theologischen Erklärung:
Liebe Gemeinde! Vor 75 Jahren tagte in Wuppertal Barmen die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Am 31. Mai 1934 wurde die Erklärung feierlich angenommen. Die Synodalen erhoben sich und sangen den Lobvers: „Lob, Ehr und Preis sei Gott!“
Diese Synode war die erste Synode der evangelischen Kirche überhaupt in der lutherische, reformierte und unierte Christen, Männer und Frauen, Theologen und Laien zusammen trafen, um ein Wort gegen die Deutschen Christen und den Geist des Nationalsozialismus zu formulieren. Es war die Zeit, in der der hiesige Pfarrer seine Briefe mit „Heil Hitler“ unterzeichnete, während sein Gemeindeglied Friedrich Dittes als einer der vier Badischen Delegierten auf dieser ersten Bekenntnissynode unsere Landeskirche vertrat. Der Bruch ging quer durch die Kirche hindurch. Und doch schaffte es diese Synode, ein unglaublich kraftvolles Wort gegen den Geist jener Zeit zu formulieren.
Den sechs Thesen liegt ein gleicher Aufbau zugrunde: Jede These beginnt mit einem oder zwei Bibelworten, dem ein kurz formuliertes Bekenntnis folgt, jede These wird mit der Verwerfung einer falschen Lehre kraftvoll abgeschlossen.
Die Theologische Erklärung von Barmen
1. These:
„Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6)
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden.“ (Joh 10,1.9)
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.
2. These:
„Durch Gott seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.“ (1. Kor 1,30)
Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.
3. These:
„Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist.“ (Eph 4,15.16)
Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.
4. These:
„Jesus Christus spricht: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener.“ (Mt 20,25.26)
Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen.
5. These:
„Fürchtet Gott, ehrt den König.“ (1. Petr 2,17)
Die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.
6. These:
„Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Mt 28,20)
„Gottes Wort ist nicht gebunden.“ (2. Tim 2,9)
Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.
Verbum Dei manet in aeternum.
(Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit, Jesaja 40,8)
Pfingsten 2009, Gottesdienst zur „Barmer Theologischen Erklärung“, 31. Mai 1934
Liebe Gemeinde!
„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen...“, 1) so hörten wir es eben in der ersten These der „Barmer Theologischen Erklärung“.
Wir Nachgeborenen können uns wohl kaum noch vorstellen, in was für einer Not sich die Evangelische Kirche in Deutschland 1934 befand, so dass man sich in Wuppertal Barmen zu einer Synode zusammen setzte, um ein klares Bekenntnis gegen den herrschenden Zeitgeist zu formulieren. Es war ja eine Synode, wie man sie sich vorher nie hätte vorstellen können, da erstmals lutherische, reformierte und unierte Christen sich zusammen setzten, Männer und Frauen, Theologen und Nichttheologen, um gemeinsam ein Wort zu sagen, ein Wort zu wagen. Und so heißt es gleich in der Einleitung zu den formulierten Bibelversen, Thesen und Verwerfungen:
„... Wir bekennen uns angesichts der die Kirche verwüstenden und damit auch die Einheit der Deutschen Evangelischen Kirche sprengenden Irrtümer der `Deutschen Christen´ und der gegenwärtigen Reichskirchenregierung zu folgenden evangelischen Wahrheiten...“ und nun folgen die 6 Thesen, die mit dem Wort enden: „Verbum Dei manet in aeternum!“ (Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit, Jesaja 40,8). 2)
Es ging damals darum, ein Bekenntnis zu formulieren, mit dem klargestellt werden musste, dass man sich niemals dem Geist der Deutschen Christen unterordnen würde und einer zentral gesteuerten Kirchenleitung. Es ging also um die Gleichschaltung der Kirche mit dem Nationalsozialistischen Staat. Dazu konnten bekennende Christen nur eindeutig und klar Nein sagen. Und mit Friedrich Dittes war immerhin ein Kenzinger Gemeindeglied als Vertreter der Badischen Landeskirche unter den 138 Delegierten dieser Synode.
Es gehört nun allerdings zu den dunklen Seiten der Bekennenden Kirche, dass sie als eine offizielle Größe schon bald an ihren konfessionellen Voraussetzungen scheiterte. Dennoch gab es nun Christen in Deutschland, die sich zur Bekennenden Kirche bekannten und schon von daher aktiv Widerstand gegen die Ideologie des Dritten Reiches leisteten und sich fürsorglich aller unterdrückter und verfolgter Menschen annahmen. Sie nahmen unendlich viel auf sich und setzten sich selbst großen Gefahren aus. Mit Barmen war aber nun ein Wort formuliert und in der Welt, das den Nationalsozialisten unmissverständlich klar machte, dass diese Christen keine anderen Führer akzeptieren würden als Gott allein, wie es in der eben gehörten These formuliert ist.
Viel ist über die Aktualität von Barmen gesagt und geschrieben worden, aber die Landeskirchen in Deutschland, die diese „Theologische Erklärung“ als „bekenntnisgemäß“ ansehen, fühlen ihre Aktualität bis auf den heutigen Tag und damit zugleich auch die Herausforderung, die mit ihr verbunden ist.
Wir feiern heute das Pfingstfest und lassen uns – wie in jedem Jahr – daran erinnern, dass es ja auch für die Kirche einen Anfang gab. Jesus, der Jude, hatte sicher keine Kirche im Blick, wie wir sie heute vorfinden und auch die ersten Judenchristen wohl kaum. Es war ein weiter Weg von den Jüngern und Freunden Jesu über die ersten Gemeinden in Jerusalem und dann in der damals bekannten Welt bis zu den Kirchen und Konfessionen, die wir heute kennen und die mit uns zusammen den gleichen Glauben bekennen.
So hat auch die Kirche ihre eigene Geschichte, wobei wir nie vergessen dürfen, dass es die Kirche nicht gibt, sondern immer sind es Christen, die in ihren Kirchen ihren Glauben leben oder ihn versagen, wie wir es in der Geschichte der Kirche oft genug erlebt haben. Menschen sind fehlbar und so sind auch unsere Kirchen noch nicht das Paradies – und doch möchte ich keine Stunde ohne meine Kirche leben: Hier wird der Glaube bezeugt und bewahrt, hier kann auch Versagen und Schuld benannt und vergeben werden. Hier dürfen wir die Sakramente feiern und Gott gegenwärtig glauben.
Barmen 1934 ist ohne den Geist des Pfingstfestes gar nicht denkbar, ohne den uns von Gott geschenkten Geist, der Mut machte, gegen den braunen Zeitgeist ein Bekenntnis des Glaubens abzulegen. Das tausendjährige Reich, großspurig propagiert, zerbrach schon nach 12 Jahren. Die Kirche existiert und wird durch Gottes guten Geist weiterhin existieren, auch wenn die Formen sich ändern mögen.
Wir taufen heute drei Kinder in unserer Mitte. Was für ein Bekenntnis des Glaubens vermitteln wir ihnen als Eltern und Paten, als Christengemeinde? Was für einen Sinn hat denn ein Bekenntnis, das ungelebt bleibt? „Ein billiges Bekenntnis des Glaubens“, so sagte ich es letzten Sonntag, „ist gar kein Bekenntnis des Glaubens, denn es kann gar nicht wertvoll und teuer genug für uns sein...“ 3) Die „Barmer Theologische Erklärung“ ist ja aus einer politischen Situation heraus formuliert worden und so geht es eben nicht nur um steile Glaubenssätze, sondern um sehr konkrete Lebensbezüge. Und eben da finden wir uns wieder, auch wenn unsere Lebenssituation heute „Gott sei Dank!“ nicht mit 1934 zu vergleichen ist.
Dennoch sind wir natürlich gefragt, wie wir das „Wort Gottes“ heute hören und welche „Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten“ wir neben dem „Wort Gottes“ als „Quelle“ für unseren Glauben anerkennen? Wir sind gefragt, welchen „Herren“ bzw. welchem Herrn wir zugehören und bekennen? Dazu gehört auch, danach zu fragen, welche „Führer“ wir uns selbst geben oder geben lassen? In jeder These finden wir Fragen an unser Leben, an unseren Glauben formuliert und jede Verwerfung zeigt uns, wie gefährdet der Glaube ist, der ja ganz konkret in der Welt gelebt und bekannt werden muss.
So bleiben wir alle als Christinnen und Christen mit diesem besonderen Bekenntnis auf dem Weg und dürfen dafür dankbar sein, dass unsere Väter und Mütter im Glauben uns etwas davon vorgelebt haben, dass es wichtig ist, Nein zu sagen, wenn der Glaube einmal wieder in Frage steht oder Ja zu sagen, wo es unseren Gott in unserem eigenen Leben zu bekennen gilt. Und so können wir heute gar nicht anders, als Gott Dank zu sagen für seinen pfingstlichen Geist, dem Geist, der unserem Glauben Leben und uns mit einer unaufgebbaren Hoffnung für uns und unsere oft auch schuldbeladene Existenz und Welt leben lässt. Amen.
Literatur:
1) Barth, K., Texte zur Barmer Theologischen Erklärung, Zürich,1984, S. 2
2) Barth, K., a.a.O., S. 5
3) Schneider, H.-H., Predigt zum Sonntag Exaudi, Kenzingen, 2009, in:
Busch, E., Karl Barths Lebenslauf, München, 19751, S. 257ff
EKD, 75 Jahre Barmer Theologische Erklärung, Bad Münder, 2009
Barmer Theologische Erklärung, in: Evang. Kirchengesangbuch, Nr. 888
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