1. Sonntag nach Trinitatis, Joh 5,39-47

 

 

 

 

Begrüßung:

 

Liebe Gemeinde! Gott spricht mit uns. Wie sich in den vergangenen Tagen viele Menschen auf den Weg zum Kirchentag machten, um sich dort mit Fragen des Glaubens und des gesellschaftlichen Lebens auseinander zusetzen und eine besondere Art der Gemeinschaft zu erfahren, so feiern wir diesen Gottesdienst heute Abend in unserer Gemeinschaft. Es geht um das geschriebene Wort, um einen Glauben, der sich aus dem Wort heraus begründet und es geht damit um die Frage nach der Wertigkeit des Wortes Gottes für unser eigenes Leben. Wir lesen heute viel, wir sehen viel, wir hören viel, nie war die Informationsflut größer. Doch was gilt, welchen Einfluss auf unser Leben lassen wir zu, so weit wir das überhaupt noch für uns entscheiden können?

 

Ich will Gottes Wort rühmen; auf Gott will ich hoffen...

 

 

 

Gebet:

 

Herr, guter Gott! Immer wieder lässt du uns dein Wort hören: ermutigend, tröstend, mahnend, bestärkend, doch hören wir es noch inmitten der vielen Worte, die an uns heran getragen werden? Schenke es uns so, dass wir es immer besser hören lernen, damit es nicht im Trubel und Lärm der Nichtigkeiten um uns herum untergeht. Lass uns nicht an alten Zöpfen hängen bleiben, an dem, was immer schon so war, sondern unseren Glauben fröhlich und mutig leben und bekennen, so, wie er es tat: Jesus Christus. Amen.

 

 

 

 

Ihr forscht doch in den Heiligen Schriften und seid überzeugt, in ihnen das ewige Leben zu finden - und gerade sie weisen auf mich hin. Aber ihr seid nicht bereit, zu mir zu kommen und so das ewige Leben zu haben. Ich bin nicht darauf aus, von Menschen geehrt zu werden. Außerdem kenne ich euch; ich weiß, dass in euren Herzen keine Liebe zu Gott ist. Ich bin im Auftrag meines Vaters gekommen, doch ihr weist mich ab. Wenn aber jemand in seinem eigenen Auftrag kommt, werdet ihr ihn aufnehmen. Wie könntet ihr denn auch zum Glauben an mich kommen? Ihr legt ja nur Wert darauf, einer vom andern bestätigt zu werden. Aber die Anerkennung bei Gott, dem Einen, zu dem ihr euch bekennt, die sucht ihr nicht. Ihr braucht aber nicht zu denken, dass ich euch bei meinem Vater verklagen werde. Mose klagt euch an, derselbe Mose, auf dessen Fürsprache ihr hofft. Wenn ihr Mose wirklich glaubtet, dann würdet ihr auch mir glauben; denn er hat über mich geschrieben. Da ihr aber seinen geschriebenen Worten nicht glaubt, wie könnt ihr dann meinen gesprochenen glauben?«

 

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Lesen Sie? Was und wozu lesen Sie, wenn Sie in die Zeitung schauen, sich die Bilder einer Illustrierten ansehen oder ein Buch aufschlagen? Es gibt ja eine solche Fülle geschriebener Worte, dass die Wahl der Lektüre schwer fallen muss. Dabei wissen wir natürlich alle, dass es einen großen Unterschied macht, welchem Wort ich mich aussetze. Die BILD-Zeitung schreibt anders als die Zeit, ein Groschenroman möchte in anderer Weise unterhalten als ein anspruchsvolles Buch. Wir können uns mit Zeitungen, Zeitschriften oder Büchern die Zeit totschlagen, unsere Langeweile überbrücken, uns einfach zweckfrei und anspruchslos unterhalten lassen oder unser Leben mit dem Gelesenen in eine Beziehung setzen. Literatur, wenn sie anspruchsvoll sein möchte, wird immer einen Anspruch an unsere Zeit und die Bereitschaft zu einer vielleicht sogar sehr folgenreichen inneren Auseinandersetzung von uns fordern.

 

So kann uns das Lesen auf keinen Fall die Auseinandersetzung mit dem Leben ersparen, umgehrt kann uns die Literatur aber dabei helfen, das Leben in seiner ganzen Spannweite, seinen Biegungen und Brechungen zu deuten. So war es für Luther und seine Freunde nicht nur wichtig, die Bibel zu übersetzen, sondern in gleicher Weise dafür einzutreten, dass die Menschen lernten, sie auch lesen zu können. Der Glaube konnte nicht mehr von einer umfassenden Bildung für alle abgekoppelt bleiben. Aber es war zunächst die Bibel, der Katechismus und religiöse Schriften zu unterschiedlichsten Themen, die verbreitet und gelesen wurden. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wird das Lesen epidemisch... „Man liest nicht mehr ein Buch mehrmals, sondern viele Bücher einmal. Die Autorität der großen, wichtigen Bücher – die Bibel, Erbauungsschriften, Kalender – die mehrfach gelesen und studiert werden, schwindet, man verlangt nach einer größeren Masse von Lesestoff, nach Büchern...“ [1] So klagte der junge Dichter Ludwig Tieck damals: „Wir sind aus Papier gemacht“ und Clemens Brentano „hört im Leben das Papier rascheln...“ [2] Aber wie sollte man in der deutschen Provinz die Welt und das Leben in einem umfassenderen Sinne kennen lernen, wenn nicht durch Bücher?

 

Im Unterschied zu anderen Religionen ist das Judentum eine „Schriftreligion“. Nach und nach wurde die von Generation zu Generation erzählte Geschichte des Volkes Israel und damit unlöslich verbunden auch der Glaube der Väter und Mütter aufgeschrieben. Jedes Kind lernte die Heiligen Schriften zu lesen und das eigene Leben von seinem Glauben her zu deuten. In den Worten der Schrift hörte man seinen Gott - und seine Gebote waren zunächst nie ein unverständliches Gesetz, dem man zähneknirschend, doch ohne Einsicht folgte, sondern sie bedeuteten die großen einigenden Freiheiten Israels im Gegenüber zu anderen Völkern, Kulturen und Göttern. „Keine Mahnung findet sich im rabbinischen Schrifttum so oft wie die zum Thorastudium...“ [3]

 

Was sich in unserem Wort widerspiegelt ist so die Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Judentum. Nicht das Lesen der Thora wird von Jesus kritisiert, wie sollte er auch, sondern die Haltung, wie der Glaube gelebt wird. „Ihr forscht doch in den Heiligen Schriften..., aber ihr seid nicht bereit zu mir zu kommen...“ Jeder, so der Vorwurf Jesu, sucht Bestätigung durch den anderen, aber die Liebe zu Gott fehlt... Die Anfrage gilt natürlich auch uns, denn unstrittig ist die Bibel eines der meistgedrucktesten Bücher der Weltliteratur, aber spiegelt das denn noch den Geist unter uns wieder, der aus ihr spricht?

Etwas provokant sagt der große Theologe Friedrich Schleiermacher: „Ein frommer Mensch braucht nicht die Bibel, er ist die Bibel. Er wollte damit sagen: Entweder steht in der Bibel etwas, das uns, ..., hilft stärker zu lieben, intensiver zu hoffen und uns selber mutiger zu leben, dann trägt es das Wort Gottes in sich selbst; oder wir lesen in der Bibel etwas ganz anderes, dann können wir sicher sein, dass es das göttliche Wort nicht in sich birgt. Maßstab für Gott in den Schriften ist die Liebe und die Menschlichkeit. Sie allein sind die Garanten, religiös Wahrheit zu finden. Die Schriften zu messen am Leben selber, das ist das Zeugnis!“ [4]

 

Wie oft hören wir, gerade jetzt wieder zu einem beginnenden Wahlkampf, die Berufung auf die alten Werte, die bewahrenswerten Traditionen, die unsere abendländische Kultur prägen, doch was sind das für Werte, für Traditionen? Haben sie denn wirklich noch etwas mit dem Glauben Jesu oder der Verkündigung der Apostel zu tun oder geht es nicht sehr viel mehr um das Einlullen der Gefühle? Wer Werte beschwört und sich auf Traditionen beruft, der kann ja - so meint man - kein schlimmer Mensch sein. Jesus sieht das ganz anders und es wäre gut, wenn unsere modernen Geisterbeschwörer, wo immer sie sich auf das „Christliche“ berufen, das schnellstens lernen würden – ganz gleich welche politische Farbenlehre sie propagieren.

 

Weder lässt sich Gottes Wort noch der Geist Gottes in Parteiprogramme fassen, schon gar nicht, wenn sie sich gegen andere richten. Wer sich also auf das biblische Wort beruft, muss bei Jesus Christus ankommen und mit ihm in der Welt oder er ist – und eben das kritisiert Jesus ja – ganz woanders angekommen. Für Jesus geht es nicht darum, sich auf Mose, gelegentlich auch auf Abraham zu berufen, wenn das ohne Konsequenzen für das Leben bleibt. Sehr viel wichtiger ist es ihm, dass die Menschen das leben, was sie in den Schriften lesen. Das kann dann sehr konkret heißen, sich in den Wüsten seines Lebens einmal wieder an Mose zu erinnern und sich, wie er, von Gott begleiten und führen zu lassen. Oder, wo uns der Glaube einmal abhanden zu kommen scheint, Abraham zu hören, der sich von diesem unbekannten Gott auf einen ungewissen Weg schicken lässt, immer in dem Bewusstsein, ein gesegneter Mensch zu sein, denn er vertraut dem Wort Gottes “Ich will dich segnen und du wirst ein Segen sein...“

 

Erst dort, wo wir dieses Wort mit in unser Leben hinein nehmen, wird es entsprechende Augen und Ohren, einen Mund, Hände und Füße bekommen und Wirkung zeigen. Ich erinnere mich und werde es niemals vergessen, dass ich eines Morgens als ganz junger Gemeindepfarrer vor meiner Haustür eine Tüte stehen sah, die Post konnte sie dort noch nicht abgelegt haben. So nahm ich die Tüte mit in mein Arbeitszimmer und öffnete sie. Zunächst verstand ich gar nicht, was ich da in der Hand hielt, denn es waren lauter kleingerissene Papierschnipsel, bis ich dann an der Schrift des Textes und am Papier sah, dass hier ein Mensch eine Bibel zerrissen und vor dem Pfarrhaus abgelegt hatte. Als ich mir dann den Umschlag noch einmal genauer ansah, konnte ich in roter Schrift lesen: „Gott ist barmherzig oder auch nicht...“

 

Hinter dieser verzweifelten Aktion stand eine Frau aus meiner Gemeinde, deren Leben für sie zur Hölle geworden war, und weil sie keine Worte und keinen Ausweg mehr fand, reagierte sie auf diese zerstörerische Weise. Ihr verzweifelter Angriff richtete sich gegen Gott, von dem sie sich verlassen glaubte. Darum zerriss sie das Wort, dem sie jetzt in ihrer Situation kein Vertrauen mehr schenken konnte.

Wie oft erleben wir es aber auch umgekehrt, dass wir gerade dort das Wort Gottes zu uns sprechen lassen, wo uns eigene oder die Worte anderer abhanden gekommen sind. Wie oft hilft uns angesichts der Stummheit des Todes immer wieder einmal das Wort Gottes als ein Widerwort gegen den Tod. Wie oft helfen uns biblische Bilder aus den Tälern heraus und über mancherlei schier unüberwindbare Berge unseres Lebens hinweg. Es ist eben auch das Wort in dem Gott uns begegnet und unser Leben begleitet, und es ist dieses Wort, das durch uns mit Leben erfüllt werden muss. Wir können in der Bibel lesen was wir wollen und so lange wir es wollen, wenn ihr Geist dann doch nicht als Glaube in das Leben hineinträgt, dann haben wir das Wort und den Geist der Bibel nicht begriffen. Und eben darauf will uns Jesus mit seinem Wort aufmerksam machen.

 

Lesen Sie? Was und wozu lesen Sie? „Nur noch sechs Prozent aller Deutschen“, klagte die Zeit, „greifen abends lieber zum Buch als zur TV-Fernbedienung... Vor allem Jungen und junge Männer ,..., lesen nur ungern, immer weiniger und damit immer schlechter...“ Dabei sei Lesen „der Schlüssel zu besseren Leistungen, zu größerem Wohlbefinden und angemessenem Sozialverhalten ... und damit mehr als reine Informationsbeschaffung...“ [5] Darum ist es so wichtig, unsere Kinder, Jungen wie Mädchen, schon früh an biblische Texte heranzuführen und ihnen gerade dieses Buch wichtig werden zu lassen. So schön „Harry Potter“ oder „Der Herr der Ringe“ auch sein mögen, für das Leben bringt es sicher mehr, sich Jesus als Jungen vorzustellen, wie er mit seinen Freunden im Holzschuppen seines Vaters einen Freundschaftsbund fürs Leben schließt, so wie David und Jonathan es taten – oder wie sie Goliath bekämpfen und besiegen, weil sie Gott auf ihrer Seite wissen. So werden biblische Geschichten wieder lebendig und Gott wird rechtzeitig ins Kinderzimmer, auf die Straße und damit ins Leben hinein geholt.

 

Nehmen wir doch einfach wieder einmal die Bibel in die Hand und lesen wir sie, aufmerksam und wach, denn bei dieser Lektüre dürfen wir auf mancherlei Überraschungen gefasst sein, weil wir es nicht allein mit Gott, sondern gerade durch ihn auch mit der Welt zu tun bekommen. Amen.

 

 

 

 

Literatur:

 

1) Safranski, R., Friedrich Schiller, München, 2004, S. 437

2) Safranski; R., a.a.O., S. 439

3) Falkenau, M., Calwer Predigthilfen, 1998/1999, Reihe III/2, Stuttgart, 1999, S. 42

4) Drewermann, E., Das Johannesevangelium, Düsseldorf, 2003, S. 260

5) Wolf, M., in: DER SPIEGEL, Nr. 21/23.05.05, S. 155

 

 

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