Lätare, Kunst und Kirche in Kenzingen, „Wege gehen“,
Bilderausstellung mit Holzschnitten und Zeichnungen von Herbert Motz
Begrüßung:
Liebe Gemeinde, heute aber wieder einmal in ganz besonderer Weise, liebe Gäste! Mit diesem Gottesdienst beginnt eine weitere Kunstausstellung im Rahmen von Kunst und Kirche in Kenzingen. Herbert Motz wird Holzschnitte vor allem vom Jakobsweg nach Santiago de Compostela ausstellen, einem uralten Pilgerweg, den er selbst einige Male abgewandert ist. „Ich bin dann mal weg“, viele Menschen haben das Buch von Hape Kerkeling gelesen und den Pilgerweg zumindest gedanklich auf diese Weise nachempfinden können.
„Wege gehen“, so lautet der Titel unserer neuen Ausstellung. Ohne Wege ist das Leben kaum denkbar. Es geht ja nicht darum, nun einmal weg zu sein, sondern gerade auch darum immer wieder ankommen zu dürfen. So wollen wir uns mit dieser Ausstellung auch dazu einladen lassen, die Wege zu bedenken, die wir im Leben gehen, gehen dürfen oder aber auch gehen müssen.
Mein herzlicher Dank gilt heute Herrn Herbert Motz für seine Bereitschaft, seine Bilder hier in unserer Kirche und drüben im Gemeindehaus auszustellen und ich danke allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen unseres Bilderausschusses für Ihre engagierte Mithilfe, ohne die diese Ausstellung heute nicht möglich wäre.
Herr, zeige mir den richtigen Weg, leite mich auf gerader Bahn...
Psalm 27,11
Gebet:
Wir gehen,
wir müssen suchen.
Aber das Letzte
und Eigentliche
kommt uns entgegen,
sucht uns,
freilich nur,
wenn wir ihm
entgegengehen.
(Karl Rahner)
Liebe Gemeinde!
„Ein bilderloser Glaube ist ein trostloser Glaube. In allen Grundsituationen seines Lebens kommt der Mensch nicht mit der puren Sagbarkeit aus. Die Sprache selber drängt in die Bilder... Diese Bilder sind Flüge der Hoffnung. Sie sind keine Fotos und sie halten nichts fest... Bilder lehren uns wünschen, und je unbescheidener sie sind, um so mehr entheimaten sie uns aus der faulen Gegenwart. Bilder lehren uns die Sehnsucht nach dem Land des Jauchzens und nach einem unkompromittierten Leben... “ 1), so sagte es der katholische Theologe Fulbert Steffensky einmal vor der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. „Ein bilderloser Glaube ist ein trostloser Glaube...!“
Und so machen wir uns auf den Weg wieder einmal ganz anders den Spuren des Glaubens in unserem Leben nachzugehen. Nie wird das anders zu erleben und zu verwirklichen sein, als sich geistig, ja manchmal auch mit seinen Beinen auf den Weg zu machen. Wer bei sich selbst bleibt, kann wohl kaum bei Gott ankommen. „Wege gehen“, das Motto dieser neuen Kunstausstellung im Rahmen von Kunst und Kirche in Kenzingen mit Holzschnitten und Zeichnungen von Herbert Motz, bringt uns auf den Weg und kann in eine ganz intensive Auseinandersetzung mit Kunst und Kirche und damit eben auch mit dem Glauben hineinführen.
Dabei geht es nicht um eine Vereinnahmung der Kunst durch die Kirche, das wäre heute keine Möglichkeit mehr, aber es kann durchaus darum gehen, unseren Glauben einmal von der Kunst her hinterfragen zu lassen. Die Kunst mit ihrer eigenen Sprache kann zu einer sinnstiftenden Konfrontation führen, da schaut der Betrachter nicht mehr ins Leere, vor einem Bild muss er sich nach seiner Meinung fragen lassen, will er nicht einfach nur vorübergehen, was natürlich auch möglich ist. Bildern können wir uns verweigern, wie der Musik, der Literatur, womit wir uns dann mehr verweigern, als nur der Kultur. Taub und blind bleiben wir so für den kreativen Schöpfergeist des Menschen, der uns zur Begegnung einlädt und mitnimmt auf eine ganz andere Art und Weise der Auseinandersetzung mit dem Leben schlechthin.
„Wege gehen.“ Neben den Bildern hier in der Kirche führen uns gerade auch die Bilder drüben im Gemeindehaus auf einen der wohl ältesten Pilgerwege der Kirche, den Jacobsweg. Mit seinen Holzschnitten hat Herbert Motz seinen persönlichen Pilgerweg noch einmal nach- und aufgearbeitet. Für ihn sind es Meditationsbilder, auf denen er Wege darstellt, die durch eine bergige Landschaft führen, Wege, die erst am Horizont enden und etwas von der Herausforderung des langen Weges spüren lassen. Lebensstufen erspürt er, indem der lange Weg ja nur in Abschnitten erwandert werden kann, mit immer neuen Erfahrungen, Gefährdungen und schließlich dem Glück des Ankommens am Ende eines langen Weges im spanischen Santiago de Compostela, dem Ziel des Jacobsweges.
Für die Pilger ist es wohl die Mischung aus Naturerlebnissen, historischen Kunst- und Bauwerken, Begegnungen mit der Bevölkerung, anderen Pilgern und sich selbst, was diesen Weg zu einem so einzigartigen Erlebnis werden lässt. Rainer Marten, der Freiburger Philosoph und Heideggerschüler sagt: „Die Sensibilität des Künstlers vergeistigt die Dinge. Er macht aus allem etwas und wenn er das Besondere auf die Spitze treibt, wird es exemplarisch. Aber die Vergeistigung gründet immer in der Sinnlichkeit...“ 2) In den Holzschnitten und Bildern von Herbert Motz begegnet sie uns und wir sind eingeladen, uns mit den Bildern und diesen Empfindungen auf einen ganz anderen Weg einzulassen.
„Wege gehen“. In der Bibel kommen „Wege“ 269 mal vor, was die Bedeutung dieses Begriffes deutlich macht. Vor allem, wenn es dann im 27. Psalm heißt: „Herr, zeige mir den richtigen Weg (und) leite mich auf gerader Bahn...“ All das, was in dem bekannten Psalmwort vorkommt, kennen ja auch wir aus unserem Leben. Wir kennen die Angst, schlimme Tage, das Gefühl der Verlassenheit und doch wendet sich dieser alte Beter seinem Gott zu bis hin zu dieser eindrucksvollen Bitte: “Herr, zeige mir den richtigen Weg (und) leite mich auf gerader Bahn...“ Da haben wir ein solch gesprochenes Bild, ohne das der Glaube ein schier trostloser Glaube wäre.
Menschen sind auf Wege, Verbindungswege angewiesen. In der modernen Welt brauchen wir Wege um Menschen zusammen bringen zu können und um Güter zu transportieren. Über Wege, die begehbar oder befahrbar sind hinaus, gibt es geordnete Wasser- und Luftwege. In einer Predigt sagte ich einmal: „Dort, wo uns die Bibel von Wegen erzählt, geht es immer um Prozesse, da soll etwas in Bewegung gesetzt werden, da sehen sich die Menschen an einen Anfang gestellt und eben nicht am Ende: Am Ende des Weges, am Ende ihrer Kraft, am Ende mit ihren Hoffnungen, am Ende mit ihren Träumen.
In unserem Leben gibt es ja sehr unterschiedliche Wege, die sich dann im Laufe der Zeit zum Lebensweg entwickeln. Auf ihm erfahren wir tagtäglich das, was uns weiterbringt, herausfordert, fördert, hier erleben wir Freude und Glück, Gelingen und Erfolg. Aber ... es gibt da diese ganz anderen Wege, die Wege, die uns im Leben behindern, uns einschränken, wo wir Leid erfahren und uns so vieles zu misslingen scheint ..., die Leidenswege, die man geführt wird, die Irr-Wege, die Um-Wege oder sogar die Ab-Wege. Es ist gut um Nebenwege zu wissen und sich von Zeit zu Zeit auch einen Rückweg offen zu halten. Für einen jeden von uns ist es wichtig, einen Heim-Weg zu finden, einen Weg zurück aus der Fremde oder sogar der Entfremdung in die Geborgenheit und Sicherheit einer Heimat. Und menschlich ist es wichtig, dass wir auf allen Wegen, die wir gehen, Weg-Begleiter haben, Weg-Gefährten, auf die wir uns verlassen können, wo Nähe, Vertrauen und Treue möglich sind – auch die Liebe. Und hin und wieder brauchen wir Weg-Weiser, weil wir uns sonst in der Fremde verlaufen würden. Und ein solcher Wegweiser ist auch uns der unserem eigenen Leben vorangehende Gott.“ 3)
Die von Herbert Motz hier gezeigten und in Kreuzform angeordneten Bilder verweisen uns zugleich auf die Passion. Wege können dem Menschen zu einem Kreuzweg werden, so wie ja auch Jesus seinen Weg zum Kreuz zu gehen hatte. Wohl alle Pilger, ja überhaupt Wanderer, die einen längeren Pilger- oder Wanderweg auf sich nahmen, kennen dieses Gefühl des nie enden wollenden Weges, der Entbehrungen und Schmerzen, bis dann das Ziel endlich erreicht ist.
Nicht nur ein Pilger bleibt auf seinem langen Weg durch die Länder wie ein Ausländer, sondern wir alle bleiben es, wo wir die Fremde erleben, noch nicht angekommen und heimatlos - oder uns von Träumen leiten lassen, die schier grenzenlos sind. Von daher wird auch die Bitte des Psalmbeters verständlich: „Herr, zeige mir den richtigen Weg (und) leite mich auf gerader Bahn...“ In einem hinduistischen Lehrbuch wird einmal gesagt: „ Es gibt kein Glück für den Menschen, der nicht reist... Gott ist ein Freund der Reisenden. Also breche auf!“ 4) Das wussten auch die christlichen Pilger zu allen Zeiten, aber ebenso dürfen wir uns dazu einladen lassen, wohin die Reise dann gehen mag.
Aber: Um nicht auf Ab-Wege zu kommen, sich zu verlaufen, am Ziel vorbei zu wandern, ist es sinnvoll, sich nach dem richtigen, das heißt nach einem gangbaren Weg zu erkundigen. Und wo wir nicht nur in Santiago, Assisi, Rom oder Jerusalem, sondern vielleicht auch bei uns selbst ankommen möchten , ist es gut einmal nach Gott zu fragen und seinem Weg für uns und unser Leben.
Je mehr Wege es in der Welt gibt und je weiter wir von dem Ort, der uns Heimat ist, wegkommen, desto notwendiger ist es nach Wegen zu fragen, die gangbar bleiben, sinnvoll, sinnstiftend. Und so wird der Weg selbst zu einem Bild. Karl Kardinal Lehmann sagt in seinem Aufsatz: „Die Welt im Spiegel der Kunst“: „Die Kunst ist und schafft also Teilhabe am Leben in Fülle, d.h., sie macht den Menschen zu lebendigeren Menschen und weckt zugleich die Sehnsucht nach dem vollendeten Leben in Fülle...“ 5) Darum nun auch diese Ausstellung in unserer Gemeinde.
Jakobus, ein wichtiger Jünger Jesu macht sich auf den Weg und so soll er der Überlieferung nach seinen Glauben in Spanien bezeugt haben. Dort ist er wohl auch gestorben. Sein Grab wurde vergessen, bis es einer Legende nach einem Eremiten auf dem so genannten Sternenfeld, spanisch: Compostela, offenbart wurde. Seit dem pilgern Menschen durch die Jahrhunderte hindurch dorthin. Wir können, aber wir müssen uns nicht auf einen Pilgerweg begeben und doch dürfen wir uns nun mit den Holzschnitten von Herbert Motz dazu einladen lassen, uns auf einen ganz anderen Weg einzulassen, der vielleicht dann auch in uns selbst hineinführt oder über uns selbst hinaus und dann zu dem Gott, der uns einen Weg weist, der tiefer, weiter und höher führt, als alle Wege dieser Welt.
„Herr, zeige mir den richtigen Weg, leite mich auf gerader Bahn...“
Amen.
Literatur:
1) Steffensky, F., Der Seele Raum geben –
Kirchen als Orte der Besinnung und Ermutigung“, in: EKD, Texte zum Sachthema der 1. Tagung der 10. Synode der Evang. Kirche in Deutschland, 2003, S.11
2) Marten, Rainer, in: Badische Zeitung, Freitag, 16. Januar 2009, S. 12
3) Schneider, H.-H., 19, Sonntag nach Trinitatis, 2008
4) Ilija Trojanow, Reisen, in: Spirituell leben, Freiburg, 2002, S. 307
5) Lehmann, K., Die Welt m Spiegel der Kunst, in: Religion aus Malerei? Reinhard
Hoeps (Hg.) Paderborn 2005, S. 22
Informationen zum Jakobsweg aus: www.jakobsweg-coaching.de
Goecke-Seischab, M.L., Christliche Bilder verstehen, München, 2004
Früchtel, U., Mit der Bibel Symbole entdecken, Göttingen, 1991, S. 323 ff
Herrn Herbert Motz danke ich für seine persönlichen Informationen zum Jakobsweg und zu seiner Arbeit.
Wir weisen darauf hin, dass Sie alle unsere Predigten im Internet nachlesen können. Sie finden sie unter:
http://www.evang-kirche-kenzingen.de oder:
http://www.predigten.de/ (Powersearch anklicken, Text oder Name eingeben)